Radtour Bangkok – Phuket der Ablauf

1. Tag – Bangkok

Infoabend vor dem Tourstart

Kurz nach dem Check-In im „Majestic Grande“ 4* Hotel im Zentrum von Bangkok spediert mich der Lift in den 7. Stock, wo wir Radler von Martin Brot, Tour-Power-Man und Inhaber der „Siam Bike Tour“, ein auf Anhieb einnehmend sympathischer Kerl, wichtige Informationen zur anstehenden Tour erhalten. Alles tönt unverschämt vielversprechend, meine Nervosität steigt ins
Unermessliche. Auf die Vorstellungsrunde unter uns Radlern, ein Klassiker aus den 90iger und der Jahrtausendwende, im heutigen Zeitgeist ein längst überholtes Ritual, wird vorbildlich verzichtet! Haben wir doch beim anschliessenden, gemeinsamen Nachtessen genügend Zeit, uns gegenseitig zu beschnuppern und unsere Lebensläufe, welche zwar kein Knochen interessiert,
runter zu spulen und mit all den sportlichen Erfolgen vergangener Tage aufzutrumpfen. In den Gesichtszügen der Anwesenden erkenne ich eine gequälte Anspannung. Es herrscht noch vornehme Zurückhaltung, welche sich etwas lockert, als jeder der Anwesenden gratis ein einheitliches Tourveranstaltungs Rennradtrickot erhält. In den nächsten Tagen werde ich also zur tragenden und fahrenden Werbesäule. Freude herrscht!

Sonntag, 06.02.2011 – 1. Etappe: Phetchaburi (Start) – Hua Hin = 76 Km

Mein Tag startet um 05.00 Uhr. Um 06.00 Uhr sitze ich bereits am Frühstückstücktisch und schaufle entscheidende Kohlenhydrate rein. Kurze Zeit später steigen wir nicht auf’s Rennrad, sondern in fünf Minibusse, welche uns im ruckartigen Stop und Go zirkulierend aus der hektischen Stadt Bangkok hinaus fahren. Nach anderthalb Stunden erreichen wir „Petchaburi“
und es heisst, auwauwauwau!, Räder zusammenstellen und Luftdruck kontrollieren. Nun, in diesem Fachgebiet bin ich alles andere als zu Hause! So hole ich mir bereits am ersten Tag eine in Stein gemeisselte Blamage, als ich verzweifelt versuche, das hintere Laufrad in die Gabel zu pferchen, was kläglich misslingt, da mir notorisch die Kettenblätter der Tretkurbel und den
Ritzeln oder wie das Zeug auch heissen mag, in die Quere kommt! Chen und Ludi, zwei wachsame “Troubleshooters” erkennen meine prekäre Notlage und mit drei geschickt fachmännischen Handbewegungen befreien sie mich aus meinem Elend. Die Sonne brennt erbarmungslos auf uns runter, die Temperaturen haben die 30 Grad Schwelle längst überschritten, als wir
„Petchaburi“ hinter uns lassen. 25 Radler, 17 Männer und 8 Frauen aus 8 Nationen, 24 Durchtrainierte und 1 Geniesser (weräch?), die Meisten präsentieren sich jung, schlank und rank, Wenige mit einem kleinen Ansatz und einer, mit Wabbelbauch schwappenden 5 kg Übergewicht, der bin ich. 34 stahlharte und 16 geschmeidige Wadli wirbeln in einer 120 Kadenz, ein
faszinierende Bild!

So, wann geht’s endlich los?

Die erste Etappe erlebe ich im humanen Sauerstoffbereich, die Einrollstrecke ist flach und wir fahren auf verkehrsarmen, gut asphaltierten Nebenstrassen durch eine abwechslungsreiche, bunte Landschaft. Ludi reicht aus dem fahrenden Wagen isotonisch aufgepepte Getränkeflaschen; ich fühle mich wie ein Mannschaftskapitän an der Tour de Suisse.
Erste Sprüche fallen. Nichts Hochgeistiges, nein, der Sauerstoff wird ja nun in den Wadli benötigt. Ein kunterbuntes Radvölklein, das sich da Richtung Süden bewegt, ein wahrer Schmelztiegel unterschiedlicher Charaktertypen. Max*, sein graumeliertes Haar flattert richtungslos unter dem Helm hervor, erzählt voller Stolz von all seinen vergangenen Radler-Errungenschaften. Und es
sind nicht wenige! Sein Leben, so scheint es, hat er bisher auf dem Velosattel verbracht. Er kennt alle Strasse dieser Welt. Oder Bruno*, seine rasierten und auf Hochglanz eingeschmierten, schneeweissen Wadli blenden mich fast vom Sattel. Er rollt still vor sich hin und sieht doch brandgefährlich aus. Bestimmt plant er bereits seinen ersten Angriff! Und da ist Jan*, ein drahtiger und
nervöser Kerl, brösmelet in seinem hochbayerischen Mundart irgendwas Unverständliches vor sich hin. Oder Jutta*, sie redet und redet und sagt doch nichts. Ihr inhaltsloses „Never Ending Story“- Geplappler ist anstrengender, als die vielen Gänge zu würgen. Oder Roger*, sonnengebräunt und mit voller Absicht in purem Weiss eingekleidet erzählt, dass er kürzlich auf Grand
Canaria die Form seines Lebens geholt habe. Ich schmeisse mich sofort in seinen Windschatten.
Lockere Fahrt im Windschatten!

In einem kleinen Nest an der Küste, mit dem wohlklingenden Namen „Cha-Am“ gibt’s eine Essenspause. Serviert wird Spannferkel vom Grill bis zum Abwinken. Dazu knackiges Gemüse, Sticky-Reis, frische Mangos und Melonen. Für Zartbesaitete gibt’s
Chicken.

Um 14.30 Uhr erreichen wir Hua Hin, das älteste Seebad Thailands mit einem 5 km langen, weissen Sandstrand, ein beliebter Badeort am Golf, wo die Königsfamilie einen Sommerpalast bewohnt und wo auch viele ausgewanderte, begüterte Rentner aus der Schweiz sich sonnen. Die erste Etappe ist geschafft. Zufrieden lösche ich mir den Durst mit zwei „Singha’s“ und dümpfe
meine Füsse ins lauwarme Meer, unser Hotel liegt nur wenige Meter vom Strand entfernt. Am Abend schlendere ich mit einigen Kollegen neugierig durch den Abendmarkt und mit einem Thai-Massaman Chicken-Curry mit gerösteten Erdnüsse, Kartoffeln, Lorbeerblätter, Kardamom Schoten, Zimt, Palmzucker und und und, ein muslimisches Thai-Gericht aus dem Süden Thailands und eine meiner Lieblingsspeisen mmmmmmmmm………. beende ich die erste hitzigeEinrolletappe.

Montag, 07.02.2011 – 2. Etappe: Hua Hin – Prachuap Khiri Khan = 127 km und 128 Höhenmeter

Obwohl wir gestern lediglich 72 km gefahren sind, schreien meine abgefahrenen Arschbacken, als wir um 08.00 Uhr morgens „Hua Hin“ hinter uns lassen. Mindestens 1000 Vorbereitungskilometer hatte der Veranstalter empfohlen. Es rächt sich jetzt, dassich seit mitte September 2010 nie mehr auf einem fahrenden Rennradsattel gesessen habe. In einem moderaten Tempo um die 30 km/h radeln wir auf der Küstenstrasse. Wiederum eine Flachetappe mit lediglich 128 Höhenmetern.

Eine abwechslungsreiche, farbenprächtige Naturlandschaft präsentiert sich uns. Kokosnuss-, Annasplantagen, Reisfelder, Shrimpsfarmen und plattgefahrene Schlangen lassen keine Langweile aufkommen. Wir tauchen in den „Khao Sam Roi Yot“ Nationalpark ein. Vögel zwitschern aus voller Kehle und verspielte, wilde Affen springen kamikazemässig vor unsere Rädern. Es
ist nun höchste Bremsbereitsschaft angesagt. Kurze Zeit später fahren wir in die verschlafene Provinzhauptstadt „Prachuap Khiri Khan“ ein. Nach einem kurzen Getränkestop geht’s weiter. Immer wieder winken und schreien uns am Wegrand verspielte Kinder und staunende Erwachsene ein freundliches „Hello“ zu. Klar, Farangs auf Rädern, die in der Sonne
über den Asphalt donnern, sind nicht alle Tage einzufangen. Nach 80 km und einer scharfen Rechtskurve öffnet sich ein Bild wie am Eingang zur Himmelspforte. In purer Leidenschaft liegt vor uns der Golf von Thailand mit seinem perlmutterweissen Traumstrand. Die Uferpromenade präsentiert sich wie aus einem prämierten Bilderbuch. Hunderte, im sanften Winde wehende
Palmen und ein romantisch gelegenes Restaurant, nur für uns alleine. Mein Herz rast vor Freude!

Es rumoret und knurrt nun gewaltig in meiner Magengegend, höchste Zeit etwas Währschaftes zu futtern. Alles ist bereits aufgegleist, Martin hat wieder einmal mehr alle Register einer professionalen Planung in Bewegung gesetzt. Kaum sitzen wir am gedeckten Tisch wird das bekannteste Gericht Thailands, „Tom Yam“, eine würzig, sauer-scharfe Fischsaucen-Suppe mit
Zitronengras, Tamarinde und für mich, auf meinen sehr eindringlichen Wunsch hin mit wenigen, sehr wenigen Chillies und mit null Koriander, dazu langkörniger Jasminreis mit Fisch serviert. Frische Mangos und saftige Ananas runden dieses Gedicht ab. Tom-Yam-Suppe mit Krabben und Zitronengras.

Elegant und mit vollem Bauch schwinge ich mich nach einer Stunde mit einem epochalen Hüftschwung wieder auf’s Rad. Nun wird’s so richtig hart. Der innere Schweinehund ist gefordert! Immerhin, die Fahrt an der wunderschönen Uferpromenade entlang entschädigt mich für die letzten strapaziösen 35 km. Das Hotel soll wiederum an einem Traumstrand liegen.
Es hat sich so eingebürgert, dass wir uns jeweils nach Tour-Ankunft im Hotel mit einem eisgekühlten Bier auf das Abendessen einstimmen. Eine gute Gelegenheit auch, auf das Tagesgeschehen zurück zu blicken und die eine oder andere Episode aufzufrischen. Es wird viel gelacht, gescherzt und blagiert und schliesslich verduftet einer nach dem anderen unter die
erfrischende Dusche…….

Dienstag, 08.02.2011 – 3. Etappe: Prachuap Khiri Khan – Haad Baan Krut = 72 Km und 105 Höhenmeter

Ein bunter Riesenschnetterling flattert nervös im zick-zack Kurs über unsere Häupter hinweg, eine winselnde Promonadenmischung beaugapfelt uns melancholisch, ein schnurrender Kater schmeichelt neugierig um unsere Räder und Wadli herum und bettelt um Streicheleinheiten und eine fliegende Vogelvielfalt zwitschert um die Wette. Eine faszinierende, multikulti-Tierwelt
begeistert uns am Start zur 3. Etappe. Das Thermometer zeigt 30 Grad, die Armbanduhr 8 Uhr als es los geht und wir in die Pedalen drücken. Ein alter Einheimischer steht achtungsvoll am Strassenrand und winkt uns Farangs zu, er lächelt ohne Zähne. Der Himmel zeigt sich auch heute wieder wolkenlos. Es stinkt grausam nach süsssaurer Sonnenschutzcrème unterschiedlicher
Stärkeklassen; das ganze Gelände ist richtig gehend eingenebelt! Einige Radler haben gestern bereits ihren ersten Sonnenbrand eingefahren und präsentieren sich entsprechend geröstet in der Landschaft.

Angenehme Nebenstrassen, manchmal mit Kokosnüssen und Schlaglöcher gesegnet und verkehrsarme Hauptstrassen und ein unglaublich eingeschlagenes Höllentempo unterwegs prägen den heutigen, sehr abwechslungsreichen Tag. Um 10.15 katapultiere ich mich im Pannen-Gesamtklassement auf den 1. Platz. In 2 ein halb Tagen erleide ich 3 Schleicher. Eine
Erfolgsgeschichte! Wiederum sorgen Ludi und Chen dafür, dass ich keine schmutzigen Hände kriege. Der Service, den uns Ludi und Chen auf dieser Radtour abliefern, sprengt schlichtweg den Rahmen der Vorstellungskraft! Ich kann es in Worten nicht annähernd beschreiben. Bei jedem Stop, kaum aus den Pedalen geklickt, erhalten wir feuchtigkeitsgetränkte „Refreshing
Towels“ um die salzigen Spuren des Kampfes aus dem Gesicht zu wischen. Colas, Bananen, Pomelos und auch ein riesengrosses Becher mit Eiswürfel runtergekühlter Kaffee werden jedes Mal unaufgefordert verteilt. Während wir irgendwo an einem lauschigen Plätzchen entspannt die Füsse in den Himmel strecken und genüssliche die ganze Ladung reinziehen, füllen
die Beiden unsere leeren Bidons mit „Electrolyte Beverage Powder“ wieder auf. Dass dabei auch gleich noch der Luftdruck geprüft wird, ist bezeichnet. Bei Ankunft im Hotel erhalten wir nicht nur erfrischende Drinks, sondern auch gleich den Hotelzimmerschlüssel in die Hand gedrückt. Das mühsame Anstehen am Check-In Schalter des Hotels und das noch
aufreibendere Formularausfüllen bleibt uns erspart. Rad, Helm und Schuhe können einfach dem Schicksal überlassen werden. Am Morgen finden wir alle Utensilien geordnet und übersichtlich aufgereiht wieder vor. Fast vergessen habe ich, dass die schweren Koffern jeweils vom Hotelpersonal unentgeltlich ins Zimmer geschleppt und wieder abgeholt werden. Wir brauchen
uns um Nichts, aber auch gar Nichts zu kümmern. Einzigartig!

Fein säuberlich und geordnet am Morgen zum Abholen bereit Die letzten 15 km legen wir nochmals einen Zacken zu und speeden auf dem feinen Asphalt dem Strand von „Haad Ban Krut“
entgegen, unser Etappenziel ist erreicht. Es empfängt uns ein ruhiger, idyllischer Badestrand in einer bezaubernden Bucht, welcher uns zum „Dolce far Niente“ motiviert.

Mein traumhafter Bungalow, eingekleidet in kokusnusstragenden Palmen und reichhaltiger Flora, liegt nur 1 Minute vom malerischen Meeresstrand entfernt. Verträumt verfolge ich die ins Meer schmelzende Sonne, eine einmalig, grandiose Abendstimmung! Genuss pur! Es dämmert rasch und ich schaue zurück auf einen wiederum erlebnisreichen Tag. Für eine Nacht mein Bungalow Traumhaft.

Mittwoch, 09.02.2011 – 4. Etappe: Haad Baan Krut – Chumphon = 126 km und 399 Höhenmeter

Ein nimmermüder Güggel kräht mich um 0445 Uhr aus meinem Koma. Draussen dominiert noch tiefe Nacht. Einige Radler, mit wahnsinns gespenstischen Tränensäcke und dunklen Augenringen nähern sich uns. Ja, sie seien gestern Abend noch etwas unterwegs gewesen, versucht Hugo* mit seiner tiefen, timbrierten Stimme uns zu erklären. Seine Augen
schauen etwas nachdenklich ins Ungefähre, als wären Hopfenbrause und Hochprozentiges noch nicht ganz aus dem Körper raus geschwemmt. Es scheint, dass diese durstigen Kehlen ihr verzerrtes Gesicht bis weit über die Geisterstunde hinaus im Bierglas betrachtet haben.

Wir fahren los, etwas gemütlicher als auch schon.

Mit meiner 30 Gang „Shimano Ultegra“ Ausführung habe ich mich inzwischen gut angefreundet. Es rollt wie geschliffen. Gut, im Angesicht des Schweisses, strampeln muss ich trotzdem noch pausenlos alleine. Meinem miesen Sattel kann ich aber nach wie vor keinen bravourösen Gütesiegel ausstellen.

Die täglichen Hitzegrade und die hohe Luftfeuchtigkeit sind kein Thema mehr. Alle haben sich inzwischen auf diese erschwerten Rahmenbedingungen positiv eingestellt.

Heute geht es recht wellig zu und her. 40 km Rolling Hills! Das stetige „Auf“ und „Ab“ fordert mich richtig gehend heraus, ich spüre erste Anzeichen einer Fettverbrennung. Der Sauerstoff muss ich nun tief aus meiner Lunge herauskratzen. Lautstark röchle ich in die Gegend hinaus. Wer mich kennt weiss, dass diese unüberhörbaren testosteronvernebelten Laute nichts über
meinen momentanen Formzustand aussagen. Meine Tourkollegen aber, die mich ja erst vor wenigen Stunden kennen gelernt haben, verrenken verwirrt ihre Hälse zu einem grossäugigen Erstaunen. Die denken bestimmt, dass für mich die ultimativ letzten Sekunden geschlagen haben. Sollen sie doch. Ich ignoriere die besorgniserweckenden Blicke und geniesse die
verkehrsarme Fahrt durch die schattenspendenden Palmenwälder und den zahlreichen Garnelenfarmen und den immens grossen Reisfeldern.

Heftige Windböen machen sich bemerkbar. Unerschrocken blasen sie ihre Luft direkt in unsere schweissgebadene Gesichter, es fühlt sich an, als wären zehn Haarföhne in der höchsten Hitzestufe gezielt auf uns gerichtet. Jeder versucht in Deckung zu gehen und versteckt sich hinter einem grossen Rücken. Niemand will nun freiwillig die Führungsposition
einnehmen. Es kommt zu einigen harmlosen Scharmützel.

In doppelter Lichtgeschwindigkeit erreichen wir unser Etappenziel „Thung Wua Laen – Beach / Chumphon“, direkt am Meer gelegen, ein umwerfend beeindruckender Fleck, 15 km von der Provinzstadt Chumphon entfernt. 127 km und 516 Höhenmeter haben wir heute gemeistert, höchste Zeit für das rituale Ankunftsbier Chang! Chang heißt übrigens Elefant, ein Tier, welches die
Thais sehr gerne haben. Wir lieben beide, Chang und die Flüssigkeit.

Donnerstag, 10.02.2011 – Ruhetag in Chumphon

In den letzten 4 Tagen sind wir über 400 km geradelt, haben 600 Höhenmeter überwunden und täglich Celsiusgrade über 35 Grad überlebt und auch einige Hektoliter Bier die durstigen Kehlen runter gespült. Der einzige Ruhetag ist mehr als verdient!

Freitag, 11.02.2011 – 5. Etappe: Chumphon – Ranong = 139 Km und 569 Höhenmeter

Heute steht die Königsetappe auf dem Programm. 145 km! Von Zürich nach Basel und zurück oder von Zürich über Bern ins Fribourgische oder 1000 mal rund um den Bucheggplatz. Könnte natürlich noch viele andere Beispiele aufzählen, aber wer interessiert dies überhaupt? Ein Blick in meinen Biorythmus hätte ich besser bleiben lassen. Die physischen Werte pendeln blöderweise tief unten in der Erholungsphase, statt auf dem höchsten Gipfel der Leistungsfähigkeit. Unser Tour Mann Martin schreit ein „Let’s go“ in die Menge und schon bewegt sich das Feld weiter in Richtung Süden.
Konzentriert hinter Tour Mann Martin Noch 142 km…nur noch 141 km….bis zum erlösenden, kühlen Chiang Bier und Chokdee! Apropos Durst. Der Flüssigkeitsbedarf ist enorm. Pro Stunde stürze ich mehr als 2 Liter isotonisches Irgendwas die Kehle runter, um den Wasserhaushalt bei Laune zu halten.

Nach 16 km passieren wir „Isthmus von Kra“, die engste Stelle zwischen dem asiatischen Kontinent und der malaiischen Halbinsel. Die Entfernung zum westlich gelegenen „Sungbei Bati“ in Burma oder Myanmar, wie es heute heisst, beträgt nur noch 54 Kilometer. Immer wieder werden wir von einer bezaubernden Naturlandschaft abgelenkt und von der wirklich übelriechende Stinkfrucht „Durian“, welche in diesem Gebiet angebaut wird, in einen abgehobenen Zustand versetzt. Es geht wieder hügliger und kurvenreicher zur Sache.

Martin hebt den rechten Arm hoch, das Tempo reduziert sich augenblicklich. Nicht ohne Grund. Wir trauen unseren Augen nicht. Ein mega tosender Wasserfall schäumt aus dem Nichts und lädt uns zum Abkühlen ein. Einige Aufgeheizte lassen sich nicht zwei Mal bitten und stürzen sich mit voller Montur ins kühle Nass. Ludi ruft zur Fotosession auf. Der azurblaue Himmel, welcher die in allen Rot- und Gelbtönen brennenden Bäume um uns herum auf malerische Art und Weise verzaubert, hat es ihm angetan. Eine wahrhaft beeindruckende Kulisse!
Bitte schön lächeln……………….

Die Kleinen stehen vorne, die Grossen hinten, die Narzisten in der Mitte und die Bescheideren am linken und rechten Seitenrand. Da schreit auch bereits ein Hemmungs-Entriegler das abgedroschene „Cheese“ in die Runde, es blitzt und ich habe leider beide Augen geschlossen! Ja super! Aber Ludi meint es gut und will unbedingt nochmals ein Foto schiessen und so präsentiert
sich jeder erneut von seiner fotogensten Seite, rückt das Trikot in seine optimale Position, zieht wieder kräftig den Bauch rein und die Mundwinkel steil nach oben und lächelt fratzenhaft in die Kamera. Es herrscht Atemstillstand. Ludi drückt auf den erlösenden Auslöser und alle erwachen wieder zum Leben und das gequälte Lächeln im Gesicht schmilzt wieder in seine
Ursprünglichkeit.

Ich liebe solch gestellte Aufnahmen, sie kommen so unnatürlich daher, wiederspiegeln das wahre Leben, wenn wir täglich eine Maske montieren und eine Show abziehen und uns von unserem wahren ICH entfernen.

Uuuuiiiii, bin ich in der Sternstunde Philosophie gelandet? Was schreibe ich da nur für einen irren Blödsinn. Ist diese geistige Deformation bereits ein erstes Anzeichen eines Ermüdungseinbruches? Eigentlich fühle ich mich noch nicht am Ende! Einige benützen noch die Gelegenheit, den Restposten aus ihrer Blase zu schütteln, anderen füllen die Bidons mit einem
thailändischem Red Bull auf und einige sitzen bereits ungeduldig in Wartestellung auf ihrem Göppel.

Die Milchsäure in den Beinen siedet, der Puls rast und es knurrt einmal mehr nahrungsfordernd in meiner Magengegend und ich bin zufrieden, dass Martin nach 110 km einen Mittagsstopp ausruft. Ich hole mir meine verlorenen Energieschübe mit einer leckeren Nudelsuppe und einem knusperig gebratenen Fisch mit reichlich dekoriertem Chnobli und frischem al dente Gemüse
und einem rassigen Papayasalat inklusive beruhigendem Meeresrauschen im Hintergrund wieder zurück und streichle mir nach der exzellenten Essenszufuhr zufrieden über den vollen Bauch.

Gestärkt radlen wir die letzten Kilometer zur Provinzhauptstadt Ranong am Indischen Ozean; mein Blick auf den Tacho wird intensiver, ich zähle nun jeden Kilometer einzeln! Nach knapp 150 Kilometern die Erlösung. Das lang ersehnte Ziel ist erreicht. Nun ist dringend Erholung angesagt. Mit einer müden Hechtrolle lande ich im Bett.

Samstag, 12.02.2011 – 6. Etappe: Ranong – Kuraburi = 128 km und 557 Höhenmeter

Hellwach drehte, streckte und verbog ich mich die ganze Nacht von links nach rechts, von oben nach unten, lag mal quer, dann wieder gerade, zählte bis 100 und zurück, buchstabierte das Alphabet in kleinen und grossen Buchstaben, formte den Satz „ich will nun endlich einschlafen“ ins Plusquamperfekt und und und. Nichts nützte es. Mein Kreislaufsystem radelte die ganze Nacht
durch und gönnte mir keine winzig kleine Ruhepause.

Es scheint, dass es dem einen oder anderen Schlafgesicht auch nicht besser erging. Jedenfalls sieht das morgendliche Erscheinungsbild unserer Truppe ziemlich havariert aus. Ich fühle mich richtig gehend gerädert, sozusagen auf den Felgen und kann mir schlichtweg nicht vorstellen, wie ich heute die 127 km schaffen soll. Schlafdrunken steige ich auf’s Rad und gähne in
die Leere. In lockerem Tempo geht’s los und ich kätsche mich im Windschatten über die wellige Hauptstasse mit Blick auf die bergigen Regenwälder und auf Schafe und Ziegen, welche auf den grünen Weiden gelangweilt ins Gras beissen. Nach und nach taue ich zu meiner Zufriedenheit wieder auf. Während einige in meiner fahrenden Umgebung noch immer verzweifelt über die
Velogländer heulen, fühle ich mich von Minute zu Minute besser. Mein Selbstvertrauen kehrt zurück, und wie! Frech überhole ich ein Radler nach dem anderen und schon bald finde ich mich in der Spitzengruppe…. Irgend jemand in der Gruppe stinkt gewaltig nach Zapfenbefall, wie ein fauler Wein der übelsten Sorte. Der typisch oxidierte
Geschmack eines durchgeschwitzten und ungewaschenen Trikot weht mir im Sekundenrhythmus ins Gesicht. Mir stockt der
Atem! Ich wechsle die Spur.

Max*, eine mit Sand im Getriebe bewegende Einzelmaske, zu Hause bestimmt immer alleine mit dem Rad unterwegs, fällt durch seine undisziplinierte Fahrweise auf. Er schafft es einfach nicht, sich ans Hinterrad des Vordermannes zu heften. So entstehen Luftlöcher, welche sich im hinteren Feld handorgelmässig auswirken und immer wieder kräfteraubend zugestopft werden müssen. Max wird auf der Beliebtheitskala wohl nicht in den oberen Rängen gehandelt.

Die letzten Kilometer sind unanständig ansteigend. Wieder muss ich den inneren Schweinehund mobilisieren. Der Weg führt uns nun aus der gleissenden Sonne tief in den Dschungel hinein. Plötzlich taucht in diesem tropischen Regenwald unser Resort auf, eingebettet in einer stillen Oase. Eine gepflegte Gartenanlage mit Seeanstoss und ein einladender Swimmingpool löst bei mir ein
befreiendes Glücksgefühl aus. Ich bin richtig gehend erschlagen von dieser Einzigartigkeit. Und natürlich auch hochzufrieden, diese 127 km überlebt zu haben.

Heute übernachte ich nicht nur in dieser aussergewöhnlich reizenden Natur, sondern auch in diesem erholsamen Bett

Sonntag, 13.02.2011 – Kuraburi – Khao Lak = 74 km und 221 Höhenmeter

Vor wenigen Stunden schwitzten wir noch den Berg rauf und nun sausen wir locker und schweissperlenfrei im 50iger Schnittt wieder runter. Die Talsohle ist erreicht und es geht wellenartig weiter, vorbei an Kautschukplantagen und Kokospalmen. Nach 40 km erreichen wir den „Andaman Sea“, ein Randmeer des Indischen Ozeans. Die unendliche Weite begeistert mich.
Faszination schwebt über die tiefblaue, schäumende Wasseroberfläche. Für einige Minuten halte ich inne und verfolge die Kraft des Wellenganges. Es geht weiter. Nur noch 30 km, eine knappe Stunde. Wir erreichen unser Etappenziel „Khao Lak“, welches am Fusse des einzigartigen „Lamru Nationalpark“ liegt, noch vor dem Mittagessen. „Khao Lak“ wurde durch die brachiale Gewalt
des Tsunamis im 2004 besonders hart getroffen. Der Ort und die nahe Umgebung präsentieren sich aber heute in einem neuen Kleid und lassen die Spuren dieser Tragik vergessen.
Konzentration auf höchster Stufe!

Unser Resort, mit einem grossen Swimmingpool und einem romantisch angehauchten Strandrestaurant, liegt direkt am weissen Sandstrand. Ich setze diesem Paradies den Stempel „EINMALIG“ auf. Statt uns in der Sonne verbräteln zu lassen, entscheide ich mich mit einigen Kollegen für einen Abstecher in den nahen, feuchten und immer grünem Regenwald. So
machen wir uns am späteren Nachmittag auf die Socken und finden zahlreiche, zugängliche Höhlen, in welchen hunderte von Fledermäusen ihr Dasein pflegen und einem nur so um die Ohren sausen und wir staunen vor tosenden Wasserfälle, welche die Feuchtigkeit im donnernden Posaunenklang in den Wald hinein pusten und steigen die Kalksteinhügel hoch, welche dem Park
eine ganz besondere Note verleihen. Am Abend geht’s noch in die “Tarzanbar” und zum Schweizer Koch, wo wir ein Käsefondue …. nein, natürlich nicht…

Montag, 14.02.2011 – 8. Etappe: Khao Lak – Phuket = 114 Km und 611 Höhenmeter

Etwas in Wehmut versunken schwinge ich mich um 8 Uhr auf’s Rad. Heute ist die letzte Etappe angesagt. Nur noch 114 km trennen uns vom Ziel. Nach 60 Km überqueren wir die berühmte „Sarasin Brücke“ und wir erreichen die grösste Insel Thailands. Im Dunst erkenne ich die ersten, überhängenden Rampen. Und schon sind sie da, die brutal giftigen Hügelketten. Mir wird’s
echt schwindlig! Muss ich da wirklich rauf? Nochmals aktiviere ich jede Faser meiner Muskulatur und keuche den letzten Sauerstofftropfen aus meiner geforderten Lunge raus. Meter für Meter kämpfe ich mich in der 20% Steigung nach oben. Vor jeder Kurve hoffe ich, dass es die Letzte ist. In notorischer Regelmässigkeit lösen sich jedoch die Kurven ab. Es folgt eine
nächste, eine übernächste, mal links einbiegend, mal rechts, ein Ende ist weit und breit nicht in Sicht.

Ich sehe alles nur noch vernebelt und verschwommen, als ich oben ankomme. Nach kurzer Zeit haben sich meine Pulswerte aber wieder beruhigt und doch, atemberaubend geht es weiter. Weit unten spiegelt der Wellengang des smaragdgrünen Andaman Meeres, eingebettet im Dschungel der Hügelketten. Die schneeweiss schimmernden Strände liegen nur noch eine
Atempause von uns enfernt. Die ersten Träume werden wach. Kann es kaum noch erwarten, bis ich unter einer im sanften Winde wehenden Palme im Liegestuhl relaxe und die Zehen im Sand vergraben kann und mich in Sicherheit zu wiegen, jederzeit griffbereit einen erfrischenden Durstlöscher in der Nähe zu haben. Ja, da erwarten mich wirklich paradiesische Momente. Ich träume weiter….

Nach fast 1000 km Fahrt in acht Tagen treffen wir etwas übermüttig und voller Stolz in unserem Ziel am „Kata Beach“ auf der  Insel Phuket ein. Pure Entspannung macht sich breit. Freudestrahlend klopfen wir uns gegenseitig auf die Schultern und alle sind glücklich, dieses Abenteuer unbeschadet und mit unvergesslich positiven Erlebnisse gemeistert zu haben.
Beim Nachtessen erinnern wir uns gerne nochmals an all die freundlichen Menschen, die uns unterwegs mit ihrer Charme und mit ihrem Lächeln verzauberten, an die auserlesenen Resorts, in welchen wir gerne länger geblieben wären, an die vielfältige, einzigartige Thai-Küche, wo der „Spicy Food“ dominierte und unsere Gaumen elektrisierte und wir tauchen nochmals in diese
eindrückliche Naturlandschaft ein, welche uns nicht nur Schatten spendete und schliesslich danken wir der Tourleitung für den Weltklasse-Service und dass sie es uns ermöglichten, dieses bezaubernde Land hautnah zu erleben.

Munteres Besteckgeklapper und heitere Gesprächsfetzen dringen in die Dunkelheit hinaus, wir prosten uns immer wieder zu …… es schlägt Mitternacht….. ein Uhr, zwei …. und äs isch no immer nid Haubzit! Bis nächsten Sonntag, 20.02. werde ich mich nun am weissen, feinsandigen „Patong Beach“ von der Sonne einfärben lassen und mich von der radlerischen Pedalerei erholen.

*Alle Namen sind verändert. Jede Aehnlichkeit mit noch lebenden Personen ist rein zufällig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.